Sind teure Weine immer bessere Weine?

Wein-Experte Martin Kössler gibt Antwort in unserer Kolumne „What about: Wine?“

Sind teure Weine auch immer bessere Weine? Nein, definitiv nicht. Beim Wein kaufen ist wichtig zu wissen: An den beiden preislichen Enden des Weinmarktes wird kräftig manipuliert. Am unteren Ende, also unter 5.- Euro pro Flasche, ist bei den meisten Rotweinen weder die Farbe natürlich, noch sind die Gerbstoffe echt. Bei den Weißweinen überwiegt die Technik im Keller, das heißt sie schmecken wie Wein, besitzen aber keinerlei eigenständigen Charakter – egal was auf dem Etikett steht. So dominiert bei den Weinen unter 5,- Euro stets die geschmackliche Anonymität.

Am anderen Endes des Marktes, über 100.- Euro pro Flasche, wird nicht weniger manipuliert, nur anders: Die Weine müssen den sehr konkreten, aber meist uniformen Vorstellungen ihrer Käufer entsprechen, sonst werden sie nicht gekauft. Die gefragten Aromen sind: Zeder, Leder und frisch gespitzter Bleistift. Außerdem sind Aromen gewünscht, die aus den Barriques stammen, deshalb wird viel edles Tannin in die Weine befördert.

Abseits besagter Billig-Anonymität und Teuer-Uniformität tut sich derzeit aber ungeheuer viel. Winzer müssen sich und ihre Weine individualisieren, damit sie auf dem übervollen Markt guter, handwerklich hergestellter Weine Aufmerksamkeit erzielen. Deshalb werden im Preisbereich zwischen 7.- und 35.- Euro pro Flasche derzeit enorme qualitative Anstrengungen unternommen, um diese Weine zu originelleren und auch "besseren" Weinen zu machen, als ihre billigeren oder sehr viel teureren Alternativen.

Diese neue "goldene Mitte" strahlt mit spannenden Weinen, die selbstbewußten Herkunftscharakter wagen. Solche Weine finden und genießen zu können setzt allerdings voraus, sich für Wein zu interessieren und sich mit dem eigenen Geschmack ein wenig auseinanderzusetzen. Doch keine Panik: Den Unterschied zwischen stromlinienförmiger Technik und individuellem Handwerk im Wein schmeckt man schnell. Seien Sie offen für Neues und neugierig auf Ihren Geschmack! Und fragen Sie beim Einkauf nach diesem Unterschied – wer ihn nicht erklären kann, hat Ihren Kauf nicht verdient.