Normales Glas oder Weinglas – schmeckt man den Unterschied?

Kann ein normaler Mensch den Unterschied zwischen Wein aus einem normalen Glas und einem Weinglas erkennen? Die Frage kommt von euch, die Antwort gibt Wein-Experte Martin Kössler in unserer Kolumne "What about: Wine?". Er vergleicht Zahnputzbecher mit Weingläsern und gibt Tipps, wie man sich der geschmacklichen Vielfalt des Weins ganz unkompliziert nähern kann.

Das schwächste Glied zwischen Traube und fertigem Wein sitzt immer vor dem Glas: Der Mensch. Der hat von Geburt an alles im Gesicht, um Wein erschmecken und genießen zu können, er muss dazu aber seine Augen, seine Nase und seinen Mund zu nutzen wissen. Sie müssen zusammen agieren und zu einem gemeinsamen Urteil kommen. Das ist nicht einfach und braucht jahrelange Weinübung. Aber nicht verzweifeln!

Wenn ihr euch mit Wein zu beschäftigen beginnt, wisst ihr weder, was es im Wein zu schmecken gibt, noch, wie er riechen soll. Ihr könnt lediglich "gut" von "böse" unterscheiden, weshalb alle Anfänger dem geschmäcklerischen Prinzip: "schmeckt mir, schmeckt mir nicht" folgen. Das ist ganz normal. Dabei bleiben sollte es aber nicht.

Wenn ihr euch auf den Wein und eure Sinne einlasst, wenn ihr dabei selbstkritisch, tolerant und neugierig vorgeht und euch fernhaltet vom albernen Hokus Pokus der Weinbranche, werden sich euer Geruchssinn und euer Geschmacksgefühl mit jeder bewusst genossenen Flasche, die ihr am besten im direkten Vergleich probiert, weiterentwickeln. Dazu solltet ihr kurz mit eigenen Worten notieren, was ihr riecht und schmeckt, vor allem aber, warum er euch nicht schmeckt. Oft kann der Wein nichts dafür, dass ihr ihn nicht versteht, es ist eure Sensorik, die noch zu unerfahren ist, um komplexe, anspruchsvolle, hochwertige Weine richtig einschätzen zu können. Deshalb werden euch zu Beginn einfachere Weine viel besser schmecken als hochwertige.

Das kann sich aber schnell ändern, denn wenn ihr aufmerksam, neugierig und mit einer gewissen Demut an die Sache herangeht, werdet ihr Wein schnell zu verstehen lernen. Startet mit einfachen Weinen aus dem Supermarktregal. Formuliert, wie sie sich anfühlen im Mund. Befüllt verschiedene Gläser mit ein und demselben Wein, links den Zahnputzbecher, rechts ein anständiges Weinglas für acht bis zehn Euro.   Ihr werdet feststellen, dass der Zahnputzbecher kaum riecht, wogegen der Wein aus dem Weinglas duftet und besser schmeckt. Das liegt an Form und Wandstärke des Glases. Dann kauft mal im Fachhandel eine 8-Euro-Flasche, die ihr Geld wirklich wert ist (lasst euch beraten), und vergleicht diese mit einer ähnlichen 3- bis 4-Euro-Flasche aus dem Supermarkt, am besten wieder im Glas-zu-Glas-Vergleich. Ihr werdet im teureren Wein sehr viel mehr riechen und schmecken. Das ist der Zeitpunkt, wo ihr entscheiden solltet, ob es der Zahnputzbecher oder das richtige Weinglas sein soll, das aber nicht mehr als 15.- bis 20.- Euro kosten sollte. Und schon seid ihr mitten drin im Weinvergnügen, das euch hoffentlich euer Leben lang erfreut.