Netflix Chefs Table Tim Raue

Review: Tim Raue bei Netflix Chef´s Table

Braucht es einen Feingeist, um kulinarische Schönheit zu kreieren? Die spektakuläre amerikanische Food-Serie "Chef´s Table" inszeniert den Berliner Sternekoch Tim Raue als aggressiven Egozentriker. Doch als erster deutscher Koch, der bei Chef´s Table porträtiert wird, sendet Raue zugleich eine ermutigende Botschaft. Er steht damit für eine neue Generation von Sterneköchen.

Es ist ein Klischee, dass in den Küchen der gehobenen Gastronomie ein brutaler Umgang herrscht. In einer der ersten Szenen der neuen Netflix Chef´s Table Folge bedient Tim Raue dieses Klischee perfekt. „Ich bin egozentrisch – und ich bin stolz drauf!“, gesteht der Sternekoch zum Einstieg. Anschließend raunzt er in einer Küchen-Einstellung einen seiner Köche an: „Beweg deinen verfickten Arsch und bring mir schnell die Palette“. Ein bisschen Provokation funktioniert gut als filmerisches Mittel zum Einstieg einer Doku. Ich persönlich war beim Angucken genervt. Nicht nur, weil mich sprachliches Proletentum dieser Art abstößt, sondern auch, weil meine feinen kulinarischen Erinnerungen meines Besuchs im Restaurant Tim Raue noch sehr lebendig sind – die wollte ich mir nicht nehmen lassen.

Zarte Kulinarik versus grobe Worte

Tim Raues mit zwei Michelin-Sternen gekürtes Hauptrestaurant in Berlin Kreuzberg ist eines der Sterne-Restaurants, die mich mit seiner unkonventionellen Leichtigkeit absolut begeistert haben. Kulinarische Erinnerungen sind zarte Gebilde: Aromen und Texturen, die Haptik von Gläsern und Besteck, Licht und Klang, die Atmosphäre im Raum. Meine Empfindungen von Raues kulinarischen Kreationen sind gegensätzlich zum Küchen-Gepöbel der Netflix-Folge. Aber klar - dieser Kontrast ist spannend!

Chef´s Table: Foodfilmerische Meisterstücke

Chef´s Table´s Tim-Raue-Doku spielt mit diesen Kontrasten. Denn wie alle inzwischen 18 Folgen der bahnbrechenden und absolut sehenswerten Food-Serie, staunt man auch hier über die künstlerische Machart der Doku. Die ästhetische Qualität des Lichts, der Kameraeinstellungen und der Filmmusik hat Kino-Niveau. Raues eigene Statements, Archivaufnahmen aus der Berliner Stadtgeschichte, dokumentarische Küchenszenen, O-Töne von deutschen Food-Kritikern und nicht zuletzt die poetischen Bilder der angerichteten Teller sind rasant geschnitten und perfekt collagiert.

Der Koch, sein Wesen und seine Küche

Chef´s Table schafft es auf außergewöhnliche Weise einen Blick hinter die Kulissen internationaler Sterneküchen zu werfen. Die Tiefgründigkeit von Haute-Cuisine-Kreationen werden durch die Doku-Serie auf eine neue Weise verständlich. Denn die Regisseure zeigen, in welchem Zusammenhang die Speisen mit dem Standort des Restaurants, der Biografie und dem Wesen des Chefkochs stehen. Außerdem werden die Gerichte schon beim Anschauen auf erstaunliche Weise lebendig – fast als hätte man sie selbst gegessen. Das ist eine absolute Bereicherung für die Film- und Foodszene. Nicht jeder kann es sich schließlich leisten, heimische und internationale Sternerestaurants zu besuchen. Seit Chef´s Table hat man trotzdem Teil daran.

 

Überinszeniertes Storytelling

Ein Eindruck stört mich allerdings persönlich sehr – durchgehend durch die gesamte Tim-Raue-Folge. Auf mich wirkt das Wesen und die Biografie des deutschen Sternekochs doch sehr überinszeniert. Tim Raue ist in einem problematischen familiären und sozialen Umfeld im Berlin Kreuzberg der 1980er Jahre aufgewachsen. Er selbst berichtet vor der Kamera von häuslicher Gewalt und den seelischen Strapazen seiner Kindheit, die ihn als Anführer einer Straßengang gewalttätig haben werden lassen. „Von der Straßengang in die Sterneküche“, lautet auch der Untertitel von Tim Raues 2011 erschienenen Autobiografie. Und eigentlich war die Geschichte für mich damit schon hinreichend erzählt. Doch das Storytelling vom sozialen Sorgenkind zum Michelin-Stern dotierten Haute-Cuisine-Koch funktioniert scheinbar perfekt – für meinen Geschmack ein wenig zu eindeutig und eindimensional.

Asiatischer Einfluss in Tim Raues Küche

Zu wenig beachtet bleibt außerdem ein für mich sehr spannender Gegensatz zwischen Raues kompromisslosem und egozentriertem Wesen (zumindest wird es so in der Serie präsentiert) und seiner persönlichen kulinarischen Entwicklung hin zur asiatischen Küche. Ich hätte mit dem Sternekoch gern noch über seinen Eindruck der asiatischen Mentalität gesprochen: Von Achtsamkeit bis perfektionistischem Arbeitseifer hätte es da spannende Themen gegeben.

Sterneköche, die neuen Role Models

Die Chef´s Table-Folge endet mit einer schönen „Moral von der Geschicht´“: In der Schlusssequenz betritt Tim Raue sein Kreuzberger Zwei-Sterne-Restaurant und gesteht, seine größte Erfolgserfahrung sei diese: „Ich konnte die negative Energie in mir kontrollieren und sie in etwas umwandeln, was so schön ist.“ Vom Leben auf der schiefen Bahn zum bekanntesten deutschen Koch – für manche Berliner Kids kann Tim Raues Biografie so vielleicht ein Vorbild sein. Er ist damit der Inbegriff einer neuen Generation von Sterneköchen, die von der traditionellen Gourmet-Generation vielleicht noch als kulinarische Genies gefeiert werden. Für die Foodie- und Millenial-Generation sind die Star-Köche vor allem Role Models. Sie dienen als Vorbilder und Projektionsfläche und sind deshalb die neuen Popstars.

Pünktlich zum Chef´s Table Staffelstart ist das neue Kochbuch „Tim Raue my way“ im Callwey Verlag erschienen. Eine umfassende Rezension von Autor und Blogger Stevan Paul findet ihr hier: http://nutriculinary.com/2017/02/17/tim-raue-my-way-das-buch-zum-chefs-table-auftritt/

Tim Raue my way
Callwey Verlag
288 Seiten, gebunden
Preis: 49,95€

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