Beitrag Wolfram Siebeck Magdalena Ulrich Reflexionen Hatje Cantz Verlag Foto: Urban Zintel

Siebeck schmeckt´s

Ein persönlicher Nachruf an den letzte Woche verstorbenen Wolfram Siebeck, den großen Kulinariker, Kochbuchautor und Pionier der gehobenen deutschen Küche. Siebeck hat unsere Esskultur geprägt und unsere kulinarische Kreativität beflügelt.

Wolfram Siebeck, Autor, Gourmet-Kritiker und leidenschaftlicher Verfechter kulinarischer Qualität war einer der großen Pioniere der deutschen Küche. Er hat seit den 70er Jahren unermüdlich über Kulinarik publiziert und damit unseren Horizont, unseren Geschmackssinn und unsere Kreativität geprägt.

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Unvergesslich! Mit Wolfram und Barbara Siebeck bei Sven Elverfeld im 3-Sterne-Restaurant Aqua in Wolfsburg

Wolfram Siebeck ist letzte Woche im Alter von 87 Jahren gestorben. Viele von euch werden Siebeck kennen. Jahrzehnte lang ist man kaum vorbeigekommen an Siebecks berühmten, manchmal berüchtigten Texten, an seinen Kochbüchern und Kritiken, an seinem wunderbar leichtfüßigen und zugleich messerscharfem Sprachstil – an Siebeck als kulinarische Instanz.

Ingwer, Quinoa und Food-Blogs

Das besonders Wertvolle an Siebecks Blick auf die kulinarische Welt war sein kompromissloses Bekenntnis zu Qualität und sein Pioniergeist. Siebeck hat seinen Teil dazu beigetragen, dass wir heute unseren Smoothie mit Ingwer schärfen, Quinoa in Land-Supermärkten kaufen können und online auf unzähligen Food-Blogs eine inspirierende Vielfalt an Rezept-Kreationen erleben können. Denn bevor Siebeck begann publizistisch aktiv zu werden, war die deutsche Küche vorwiegend Hausmannskost.

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Im Gespräch: Von Siebeck konnte man viel lernen

Wie wollen wir heute essen? Food-Bloggerin trifft Gourmet-Papst

Vor zwei Jahren durfte ich einen unvergesslichen und erhellenden Tag mit Wolfram Siebeck in der Autostadt in Wolfsburg verbringen. Wir testeten einen Tag lang die vielfältigen Restaurants der Autostadt, wie das vom Gault Millau ausgezeichnete Restaurant „Chardonnay“, die Bio-Bäckerei „Das Brot“ und das 3-Sterne Restaurant „Aqua“. Wir diskutierten dabei über die kulinarischen Sehnsüchte unserer Zeit und über die Frage: Wie wollen wir heute essen? Ganz einig waren wir uns dabei nicht, aber das war das Spannende! Denn Siebeck blickte mit seinen damals 86 Jahren auf einen schier unerschöpflichen Reichtum an kulinarischen Erfahrungen zurück. Ich war gerade als Journalistin und Food-Bloggerin ins Berufsleben gestartet.

Über 80 Jahre kulinarische Erfahrung

Siebeck verstand es den Bogen weit zu spannend. Schließlich war er seit vielen Jahrzehnten begeisterter, reflektierter Esser. Er hatte die Vor- und Nachkriegsküche in Deutschland miterlebt, den Einfluss der mediterranen Küche, den Aufstieg der Lebensmittelindustrie und damit einem Verfall der Esskultur. Dagegen hat Siebeck fortwährend angekämpft. Er war ein Schwärmer des guten Geschmacks. Ein Feind des Fast Foods. Der aktuellen Hype um Kochshows, Foodtrends und Food-Blogs schien ihn zu befremden, auch wenn Siebeck selbst zuletzt einen Blog verfasste.

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Starke Frau an seiner Seite: Wolfram Siebeck mit seiner Frau Barbara

Bio ist das ganz Normale

Siebeck, der aus einer Generation kommt, in der es gerade einmal den Brühwürfel gab, aber keine Gentechnik und keinen entgleisten Einsatz an Pestiziden, schüttelte den Kopf über den aktuellen „Trend“ zu Bio-Lebensmitteln. „Bio ist das ganz Normale!“, entgegnete er mir mit einer Mischung aus Vehemenz und Verständnislosigkeit. Denn bevor Lebensmittel technisch verändert, überzüchtet und industriell vermarktet wurden, gab es nichts anderes als natürliche, biologische Lebensmittel.

Barbara Siebeck: Genuss- und Lebensgefährtin

Wenn man von Siebeck spricht, müsste man genau genommen von „den Siebecks“ sprechen. Denn weite Teile seines kulinarischen Wegs ist Siebeck nicht alleine gegangen. Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau, heißt es. Mit seiner Frau Barbara hatte Wolfram Siebeck eine Genuss- und Lebensgefährtin an seiner Seite. Eine charismatisch Frau, die mir an unserem gemeinsamen Tag in der Autostadt nachdrücklich und humorvoll erklärte, dass die Emanzipation auch oder vielleicht gerade im Restaurant-Alltag ein steiniger Weg war: Lange gab es gesonderte Karten für Frauen – ohne Preise – und Sommeliers sprachen nur mit den Herren am Tisch. „Das müssen Sie in Ihrem Blog schreiben“, darauf beharrte Barbara Siebeck mit einem Augenzwinkern.

Was bleibt zu sagen? Wolfram Siebeck bleibt unvergessen: Sein Engagement ist einzigartig. Seine Persönlichkeit hat unsere Esskultur verändert - und seine Gedanken leben weiter.

 

Aus meinen Gesprächen mit Wolfram Siebeck in der Autostadt Wolfsburg ist der Buch-Beitrag „Ein kulinarischer Spaziergang oder Siebeck schmeckt´s“ entstanden, den ihr im Coffee-Table-Book „Reflexionen“, erschienen im Hatje Cantz Verlag, nachlesen könnt.

Zum Weiterlesen: Stevan Pauls wunderbarer Text „Ich bekochte Wolfram Siebeck“ aus „Monsieur der Hummer und ich - Erzählungen vom Kochen“, erschienen im mairisch Verlag, online in diesem Beitrag auf nutriculinary.com
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Fotos: Abbildungen aus dem Buch "Reflexionen" erschienen im Hatje Cantz Verlag / fotografiert von Urban Zintel

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Verabschiedung nach einem spannenden, kulinarischen Tag: Im Eingangsbereich des Restaurant Aqua