Die Renaissance der Stammkneipe

Die zweite Heimat sucht man wieder in der Stammkneipe. Doch die sieht heute anders aus als früher. Autor Alexander Otto hat für unsere Kolumne „Mahlzeit München!“ die neuen Stammkneipen besucht. Dort gibt es Bier-Sommeliers und spannende Weine junger Bio-Winzer. Manches ist trotzdem wie früher:

Es gibt sie schon noch, diese Orte. Gasträume, die trotz Rauchverbots noch nikotinschwanger sind. In denen Bierdeckel die Tischdecken ersetzen und ein Tisch von den immer gleichen Gästen besetzt ist. Stammkneipen nennen manche das. Oder Bier-Pinte. Oder Eckkneipe. Die Kommunikation an diesen Orten ist reduziert, präzise. Wer ein Bier bestellt, bekommt eins. Niemand würde im Traum daran denken, nachzufragen oder gar, ein anderes als das Bier, dessen Wappen draußen über dem Eingang hängt, zu empfehlen. Ein Bier ist ein Bier ist ein Bier. Ende des Gesprächs. Jetzt Fußball.

Im aufstrebenden Münchner Stadtteil Untergiesing hat vor kurzem wieder eine dieser Kneipen aufgeben müssen. Die Geschichte wurde breit getreten in den Medien. Die Gentrifizierung, ja ja, diese ganzen Zugezogenen, die Biere wollen, die keiner kennt. Und ein bisschen Heilbutt-Carpaccio auf der Karte. Dazu ein paar Bio-Weine von kleinen Winzern, natürlich hauptsächlich weiß. Es stirbt etwas aus, hieß es im üblichen Lokaljournalistenjargon, das Viertel wie man es gekannt hat, wird es so bald nicht mehr geben. Wer jetzt denkt, dieser Text hebt ebenfalls zu einem Appell für die miefigen, abgewirtschafteten Stammkneipen an, die zum Kult verklärt werden, täuscht sich. Zumindest ein bisschen.

"Ein Bier ist ein Bier ist ein Bier.

Ende des Gesprächs. Jetzt Fußball."

Natürlich ist es wichtig, dass Strukturen für alle Bewohner eines Viertels oder Stadtteils erhalten bleiben. Niemand wünscht sich einen Straßenzug voller, nach Hipstern gierender, In-Locations im entpersonifizierten Starbucks-Stil. Dafür haben wir die Bäckerfilialen der Großketten. Doch sind Stadtviertel ebenso dem Gang der Dinge ausgesetzt, wie alle andere Phänomene des Zeitgeistes. Und die Grundregel dafür heißt: Veränderung.

Loreley Weinbar in München

Ich bin froh, dass ich in Nürnberg in mein Lieblingsviertel Gostenhof gehen kann und Biere der dort ansässigen Brauerei „Schanzenbräu“ bekomme. Eine Marke, die ihr Geheimtipp-Dasein zwar längst verlassen hat, aber dennoch verlässlich Qualität im Glas liefert. Denn darum geht es in erster Linie: Qualität. Wo es früher um eine gefühlte zweite Heimat ging, in der die Plörre hiesiger Großbrauereien der oder die Maß der Dinge war, herrscht heute Distinktionsgebot. Heimat ist dort, wo ich eine große Vielfalt bekomme. Wo Spezialwissen zu Hause ist. So ist sie nun mal, die digitale Generation. Überall gilt es, Geschmacksentscheidungen zu treffen. Im schlechtesten Fall dienen sie rein der Befriedigung der Eitelkeit. Im besten Fall aber erweitert sie den eigenen Horizont. Von einem Bier-Sommelier kann ich lernen, wie Biere anders schmecken können. Wer das prätentiös findet, sollte sich beim nächsten Autokauf bloß keine verschiedenen Modelle zeigen lassen.

"Heimat ist dort, wo ich eine

große Vielfalt bekomme."

In München eröffnet derzeit gefühlt jeden Monat eine Weinbar. Früher hießen diese skurrilen Lokale Weinkneipen (die es bei uns im Süden Bayerns eigentlich gar nicht gab). Es hingen künstliche Weinreben von der Decke, der Müller-Thurgau versüßte den Abend und den Kopf und es volkstümelte an allen Ecken und Enden. Zeitgemäße Weinbars wie das „Goldloch“, die „Vintage-Selection“ oder die „Loreley“ in München oder auch das „Weinstockwerk“ in Nürnberg haben damit nichts gemein. Sie sind die Fortführung des modernen Gastro-Stils in Sachen Wein. Junge, top ausgebildete Sommeliers oder Hotelfachleute bieten Wein mit voller Überzeugung und Leidenschaft an. Unterschiedliche Jahrgänge, verschiedene Lagen, zahlreiche Herkunftsländer: Wein wird zur kulinarischen Entdeckungsreise in Regionen. Man schmeckt das Terroir, bekommt die Herkunft und Beschaffenheit der Trauben erläutert und twittert das gleich an seine Follower. Wenn man will. Man kann auch, wie neulich im „Goldloch“ beobachtet, direkt die Bar ansteuern, einsilbig „Veltliner, klein“ ordern und mit dem Barmann über Fußball plaudern. Ganz wie früher.